Enten-Kunstbrut

Vor rund zwei Wochen bin ich überraschend zu 10 Stockenteneiern gekommen. Fast jedes Jahr baut in der Wohnhausanlage einer Bekannten in Wien eine Ente ihr Nest auf einen hochgelegenen Balkon, wodurch fast alle Küken durch Abstürze beim ersten Nestausflug ums Leben kommen. Übersiedeln könnte bzw. sollte man die gesamte Entenfamilie erst nach dem Schlupf aller Küken, wie ich gelesen habe. Allerdings musste der Wohnungsbesitzer für einige Zeit ins Krankenhaus, weshalb wir uns kurzerhand dazu entschlossen haben, die Eier künstlich zu bebrüten.

Da das ganze wirklich eine spontane Jetzt-oder-Nie-Aktion war, hatte ich auch keine Zeit, einen vernünftigen Brutapparat zu besorgen. Während Herbert die Eier gut isoliert in einem Bett aus Schafwolle aus Wien abgeholt hat, hab ich daheim ausgetüftelt, wie ich mit vorhandenen Mitteln eine halbwegs brauchbare Brutvorrichtung bauen könnte. Die Wahl fiel auf eine kleine Gewächshaus-Heizmatte samt Schafwolle in einer abgedeckten Plastikwanne.

Behelfs-Brutvorrichtung

Temperaturmessung während der Brut

Vom Komfort eines vollautomatischen Brüters mit Wendeautomatik war das halt meilenweit entfernt, weshalb für die Tarier- und Wendearbeiten auch in der Nacht ab sofort mindestens zwei Mal der Wecker geläutet hat um nach dem Rechten zu sehen. Das hat ein paar Tage ganz gut funktioniert, bis das erste Malheur passiert ist. Leo hat es in meiner Abwesenheit irgendwie auf meinen Schreibtisch geschafft, den Brutkasten abgedeckt und gleich zwei Eier entführt und geöffnet. Verdammt! Die Erkenntnis daraus war zum einen, die Anlage zu übersiedeln und besser abzusichern, und zum anderen, dass bisher alles nach Plan gelaufen sein dürfte: Die – leider nicht lebensfähigen – Küken in den beiden Eiern schienen gut entwickelt. Das Schieren konnte ich mir also sparen, zumal ich sowieso keine Lampe zur Hand hatte, die stark genug war.

Eines meiner Probleme war, dass ich nicht wusste, wie weit der Brutvorgang vor Übernahme der Eier schon gediehen war. Aus dem Entwicklungsstand der beiden toten Küken hab ich nach einer Internetrecherche auf rund zwei Wochen geschlossen. Nun gut – also weitere 10 Tage bei rund 38 Grad Celsius, 60 Prozent Luftfeuchtigkeit und dreimaligem Wenden pro Tag weiterbrüten. Abends hab ich die Temperatur immer kurzzeitig ein bisschen abgekühlt und den Eiern einen warmen Sprühregen gegönnt, um einen kurzen Ausflug der Mutter vom Nest zu simulieren.

Sodann wollte ich eigentlich mit dem Brut-Endspurt beginnen, für den man im Normalfall die Temperatur leicht absenkt und die Luftfeuchtigkeit auf rund 80 Prozent erhöht. Leider zu spät! Beim abendlichen „Wartungsintervall“ vor dem letzten Wochenende dachte ich, mich trifft der Schlag: Deutliches Piepsen aus einem der Eier, zwei bereits leicht von innen angepickt! Mist, meines Erachtens viel zu früh!

Und so war es dann leider auch. Die ersten beiden Küken, die geschlüpft sind, hatten den Dottersack noch nicht eingezogen und waren extrem schwach. Sie haben nicht sehr lange außerhalb der Eier gelebt. Gründe für den zu frühen Schlupf könnten Haarrisse durch Leos Ausräum-Aktion oder auch eine zeitweise zu hohe Bruttemperatur gewesen sein. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich fertig, weil ich mir in dem verzweifelten Versuch, die Kleinen durchzubringen, die Nächte de facto komplett um die Ohren geschlagen habe. Im Stundenintervall hat der Wecker geläutet.

Entenküken Frühchen

Das dritte Küken ist dann einen Tag später angekommen, wieder in einer absoluten Zitterpartie. Trotz Erhöhung der Luftfeuchtigkeit war die Eihaut leicht angetrocknet, und es konnte sich im Ei daher nicht mehr frei bewegen. Ich hab ihm daher geholfen, sich aus der Hülle zu befreien. Der Dottersack war bereits zum Teil eingezogen, die Nabelschnur noch mit der Eischale verklebt. Das hab ich erst einmal auch so belassen, den Kleinen am Körper gewärmt, befeuchtet und gewartet und gehofft, bis er nach rund einer Stunde den Dottersack tatsächlich im kleinen Körper hat verschwinden lassen. Blieb noch das Problem mit der Nabelschnur. Hier wollte ich eigentlich warten, bis sie abtrocknet und samt dem verklebten Rest Eischale von alleine anfällt. Als dann aber plötzlich langsam Blut zurück ins Ei gesickert ist, hab ich sie mit einer sterilisierten Schere durchtrennt. Das Küken war offensichtlich froh darüber, aber nichtsdestotrotz vollkommen fertig und schwach. Nächste Zitterpartie, nächste durchwachte Nacht – mit einer Heidenangst, das Küken könnte zusätzlich eine Nabelentzündung entwickeln.

Entenfrühchen - Nabelschnur klebt noch am Eirest

Entenküken, Frühchen

Der kleine Racker dürfte aber einen ausgeprägten Lebenswillen besitzen. Mir war schon Angst und Bange, weil er lange Zeit nicht einmal den Kopf heben, geschweige denn aufstehen konnte. Nach der ersten Nacht jedoch hat sich das Bild gewandelt. Dauerfiepen, neugieriges Herumspazieren und aufmerksames Kopfschwenken haben mein Herz höher schlagen lassen. Schön langsam ist auch das Gefieder abgetrocknet. Blinzel- und Pick-Reflexe waren vorhanden, und das Küken hat auch schon selbstständig getrunken!

Entenküken Viktor, 12 Stunden alt

Entenküken Viktor, 12 Stunden alt

Die verbleibenden fünf Eier musste ich leider als Misserfolge verbuchen. Ich weiß nicht woran es genau gelegen hat (Leo hat da sicher auch etwas zu verantworten), aber die Embryos waren teilweise verkümmert, und zumindest einer hatte ein Problem mit einer total angetrockneten Eihaut. Schade. Sollte sich eine derartige Situation nochmal ergeben, besorge ich auf jeden Fall einen automatischen Brutapparat, mit dem man die Umgebungsparameter ganz genau regeln kann – und das ohne sich die Nächte um die Ohren schlagen zu müssen.

Nun ist er da, unser Viktor (oder unsere Viktoria?) – der Sieger, der es als einziger der 10 Kandidaten ins Leben geschafft hat. Er bekommt mittlerweile Kükenaufzuchtfutter, darf bereits in seichtem, warmem Wasser baden und ist extrem anhänglich. Ich hoffe, er ist über dem Berg. Mir würde wirklich das Herz bluten, wenn jetzt noch etwas schiefgehen würde.

Viktor am zweiten Lebenstag

Schade nur, dass er ein „Einzelkind“ ist. Ich hoffe, dass er später Anschluss an die Entenpopulation gegenüber am Wiener Neustädter Kanal findet und werde weiter berichten.